Was wir lesen – Denkanstöße für die Daten-Debatte

Kaum eine Diskussion zum Thema Sustainable Finance, in der nicht auf den akuten Mangel an notwendigen Daten hingewiesen wird – meist verknüpft mit dem Appell, Abhilfe zu schaffen und die Anstrengungen zu erhöhen.

Der Befund ist richtig. Daher ist es ausdrücklich zu begrüßen ist, dass dieses Manko auch von Seiten der Politik – insbesondere auf EU-Ebene – zunehmend mittels unterschiedlicher Maßnahmen und Initiativen adressiert wird. Dennoch lohnt es, auf den Themenkomplex auch von anderer Warte zu blicken.

In dem Artikel Green finance supervision. Let’s not obsess over data kritisiert dessen Verfasser Jasper Cox mit Blick auf Finanzaufsichts- und Regulierungsbehörden, diese seien zu sehr damit beschäftigt, Daten über Umweltrisiken für Finanz- und Realwirtschaft zu sammeln, anstatt einfach ihr eigenes Urteilsvermögen und die ihnen bereits zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen. 

Stresstests und Modellierungen stoßen an Grenzen

Er führt das aus seiner Sicht im Großen und Ganzen erfolgreiche Vorgehen der Finanzaufsichts- und Regulierungsbehörden zur Corona-Krise als Beispiel an, um zu zeigen, dass auch ohne exakte Modelle und Vorhersagen sinnvoll gehandelt werden kann (und in diesem Fall natürlich gehandelt werden musste).

Und er bringt einen weiteren Punkt: Zu Umweltbedrohungen jenseits des Klimawandels – etwa zu der Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen –, die außerdem in vielfacher Wechselwirkung zueinander stünden, lägen wenig historische Daten vor. Stresstests und Modellierungen stießen daher an Grenzen. Dabei sei die Einwirkung von gesellschaftlichen Themen, etwa von Wahlen oder sozialen Bewegungen, noch gar nicht berücksichtigt. Resümierend empfiehlt Jasper Cox daher, sich eher auf grundlegendere Faustregeln darüber zu verlassen, welche Art von Aktivität gefährlich ist, und dabei mit der Wissenschaft zusammenzuarbeiten. 

Einen weiteren Aspekt zum Daten-Thema bringt der Autor Mike Loukides in dem Beitrag Power, Harms, and Data. Der Artikel hat zwar keinen Bezug zu Sustainable Finance, aber setzt sich mit für die Nutzung und den Gebrauch von Daten allgemein relevanten Fragestellungen auseinander. 

Rohdaten – ein Oxymoron!

Der Befund von Mike Loukides lautet: Daten seien zwar of verzerrt, aber das sei nicht das eigentliche Problem. Viel wichtiger sei zu fragen: Warum sind sie verzerrt und wie können Teams für diese Verzerrungen sensibilisiert werden? „Nichts ist nur ein Daten-Problem“, schreibt er. 

Der Autor betont, dass es es keine reinen, unverfälschten, unvoreingenommenen Daten gebe  Rohdaten: ein Oxymoron! Daten seien immer historisch und als solche der Aufbewahrungsort historischer Verzerrungen. Zudem gebe es verschiedene Arten, Daten zu verstehen, verschiedene Arten, Geschichten über Daten zu erzählen – von denen einige ihren Ursprung und ihren Bezug zur Geschichte erklärten und andere nicht. 

Gefahr des "Mathe-Washings"  

Daher plädiert der Autor für einen kritischen Umgang mit Daten und dafür, sich mit ihren Ursprüngen und Geschichten auseinanderzusetzen. Hierfür seien auch gemischte Teams mit unterschiedlichen Perspektiven auf den Erhebungsgegenstand wichtig. Ansonsten drohe sich die in den Daten eingebettete Verzerrung hinter der "Mauer eines Mathe-Washings zu institutionalisieren". Unter dieser Voraussetzung aber sei Künstliche Intelligenz in der Lage, unsere Vorurteile aufzudecken. Sie gebe uns die Möglichkeit, unsere eigenen Institutionen kennenzulernen und zu kritisieren.

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