Drei Fragen an Gesa Vögele, Mitglied der CRIC-Geschäftsführung

„CRIC stelle ich mir als einen solchen Ort mit viel Offenheit für Neues und viel Hoffnung vor“

In der Rubrik Drei Fragen an spricht Gesa Vögele über ihre Anfangszeit bei CRIC, die CRIC-Fachtagung Geld und Frieden, die am 1. Dezember in Frankfurt am Main stattfinden wird, und darüber, was sie dem gemeinnützigen Verein nach knapp fünfeinhalb Jahren Tätigkeit in der Geschäftsführung mit auf den Weg geben möchte. Gesa Vögele wird zum Ende des Jahres CRIC verlassen, um sich mit ganzer Kraft neuen Aufgaben zuzuwenden.

CRIC: Im Juli 2017 sind Sie Mitglied der CRIC-Geschäftsführung geworden. Welche Fragen beschäftigten Sie damals?

Gesa Vögele: 2017 war das Jahr, in dem das phasenweise inflationär verwendete Wort „postfaktisch“ bereits abgenutzt zu klingen begann, aber in Talkshows und Feuilletons aus gegebenen Anlässen unverändert häufig über den Umgang mit Tatsachen in der Politik diskutiert wurde. In diesem Zusammenhang ist immer wieder der Essay „Wahrheit und Politik“ der großen politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt zur Lektüre empfohlen worden.

Besonders beschäftigten mich darin enthaltene Gedanken, nach denen zum einen Universitäten als Orte unabhängiger Forschung und kritischer Reflektion – also mitunter auch als „Stätten politisch wie gesellschaftlich sehr unwillkommener Wahrheiten“ – hervorgehoben wurden. Und zum anderen die Politik der Wissenschaft als eine Sphäre gegenübergestellt wurde, in der vor allem Entwürfe in die Zukunft hinein sowie das Handeln und Ausloten von Möglichkeitsräumen im Zentrum steht.

Wir könnten dies heute vielleicht so fassen, dass die Politik Narrative braucht, mit denen sie Werte und Emotionen transportieren und identitätsstiftend wirken kann, um zum Handeln zu motivieren. Eine Aufgabe der Wissenschaft ist es hingegen, diese Narrative kritisch zu analysieren inklusive der Bereitschaft, sie grundsätzlich in Frage zu stellen.

Sustainable Finance kennt Narrative ebenfalls – beispielsweise dasjenige des doppelten Wirkungsversprechens. Es ließe sich wohl trefflich darüber streiten, inwieweit die Wissenschaft derzeit die Aufgabe dieses kritischen Begleitens und Hinterfragens ausfüllt. Herausstellen möchte ich an dieser Stelle aber nur Folgendes: Unsere Narrative verlören ohne immer wieder neue Rückkopplungen mit Wahrheitsansprüchen und realen Gegebenheiten spätestens mittelfristig ihre Wirkmacht, weil sie sonst an Glaubwürdigkeit einbüßten. Zudem darf unter anderem genau deshalb die Wissenschaft nicht in politische Abhängigkeit geraten. Verkäme Sie zu einer Institution reiner Auftragsforschung, schadete gerade dies der Politik selbst. Das Korrektiv, auf das diese angewiesen ist, ginge verloren.

Als ich begann, für CRIC tätig zu sein, war ich ganz besonders darauf gespannt, wie sich das Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft ausgestalten und darstellen würde. Denn CRIC bringt sich immer wieder mit Positionen in das politische Geschehen ein und webt dadurch an diesen Narrativen mit. Zugleich pflegt der Verein – institutionalisiert im CRICTANK – die kritische und wissenschaftlich fundierte Reflektion, die naturgemäß mit gebührender Distanz zu eben diesen Narrativen stattfindet und stattfinden muss.

CRIC: Aktuell bereiten Sie eine Fachkonferenz zum Thema „Geld und Frieden“ vor. Wie kam es zur Wahl dieses Themas? War der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine der Anlass?

Gesa Vögele: Bei den Veranstaltungen, die ich für CRIC konzipierte und organisierte, war es mir immer wichtig, dass neue Perspektiven eingebracht werden können und unterbelichtete Themen eine Chance erhalten. Ich habe versucht, jenseits der klassischen Diskussionslinien und tagesaktuellen Fragestellungen Debatten zu ermöglichen, die für eine Langfristperspektive von Bedeutung sein können.

Das Thema Frieden ist zwar mit der Geschichte des sozialverantwortlichen Investments verknüpft, kam jedoch – zumindest bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine – in den Debatten der letzten Jahre zu Sustainable Finance kaum vor. Die Diskussionen beschränkten sich meist auf Ausschlusskriterien oder ein gesetzliches Verbot von Investitionen in Streumunition und Antipersonenminen.

Der Kontrast dieses Befundes zur tatsächlichen Weltlage könnte größer kaum sein. Denn mit über 200 gewaltsamen Konflikten und Kriegen allein im Jahr 2021, wie das Heidelberg Institute for International Conflict Research feststellte, sind die konkreten Auswirkungen auf viele Menschen sowie auf die Chancen einer nachhaltigen Entwicklung insgesamt immens. Aus Sicht eines gemeinnützigen Vereins, der sich mit dem ethisch-nachhaltigen Investment und Sustainable Finance befasst, liegt es daher nahe, der Frage nachzugehen, ob und wie Investierende hier Einfluss haben.

Der russische Angriffskrieg war also nicht der Anlass, rückt aber das Thema viel stärker als zuvor in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zudem hat er, zumindest nach meiner Beobachtung, die folgende Herausforderung noch deutlicher sichtbar gemacht: Dass wir von einer Krise in die nächste taumeln und es immer weniger gelingt, aus einem reaktiven Modus herauszukommen – so richtig und unerlässlich zeitnahe Antworten und Maßnahmen sind. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, langfristige, auf Prävention und Resilienz ausgerichtete Lösungsansätze und Herangehensweisen zu diskutieren und alte Denkweisen zu hinterfragen. Die CRIC-Fachtagung Geld und Frieden verfolgt das hehre Ziel, genau hierfür einen Raum zu eröffnen.

CRIC: Sie werden CRIC Ende des Jahres verlassen, um sich nach dann knapp fünfeinhalb Jahren Arbeit für den gemeinnützigen Verein mit voller Kraft neuen Aufgaben zuzuwenden. Was würden Sie CRIC gerne mit auf den Weg geben?

Gesa Vögele: Der Philosoph Markus Gabriel, der unter anderem die Position des akademischen Direktors beim The New Institute inne hat, schrieb vor einiger Zeit in dem kurzen Text on Hope and Reason von der Notwendigkeit einer ernsthaften, in die Zukunft gerichteten Philosophie der Veränderung. Eine Wiederholung des Gleichen werde nicht zu den erforderlichen Durchbrüchen führen, erläutert er dort und unterstreicht, dass es eine Philosophie brauche, die keine Angst vor dem Neuen hat.

Der Hoffnung als geeignetes „handlungsanleitendes Modell für den Menschen“ misst Markus Gabriel eine große Bedeutung zu. Interessanter Weise weist er also darauf hin, dass unsere Narrative oder Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, aus philosophischer Sicht ohne so etwas wie Hoffnung nicht auskommen können. Er geht noch weiter und formuliert das Erfordernis, Orte oder gar Institutionen zu haben, in denen diese Diskurse der Hoffnung und der Freundschaft geführt werden können. CRIC stelle ich mir als einen solchen Ort mit viel Offenheit für Neues und viel Hoffnung vor.

Anmerkung: Die Bezugnahme auf im Interview genannte Personen bedeutet kein Einverständnis mit Aussagen, die damit einhergehen, dass bestimmte Menschen oder Menschengruppen herabgesetzt oder diskriminiert werden (siehe hierzu z. B. diesen Beitrag).

Bereits erschienen in der Reihe Drei Fragen an sind:

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